Projektion eines Filmes an eine Wand mit Frau davorsitzend
© Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Andreas Diesend

Jan Švankmajer "Kunstkamera"

Tschechische Saison in Dresden

KUNSTKAMERA

2022, Stummfilm, Laufzeit 00:50:06

Musik von Antonio Vivaldi

Regisseur Jan Švankmajer

  • Laufzeit 26.11.2022—16.12.2022

In der Drehbuchvorlage

In der Drehbuchvorlage zu Jan Švankmajers neuestem Film Kunstkamera heißt es: "Das Badezimmer. Über einen Stuhl drapierte Männerunterwäsche und Hausschuhe auf dem Boden. Heißes Wasser wird in die Badewanne eingelassen. Auf den Kacheln an den Wänden sind Tigerfrau und Wassermann gemalt. Die Kamera schwenkt zurück in den Flur und führt in die Küche. Auf dem Tisch liegen die Reste des Frühstücks. Eine Tasse Kaffee, eine Brotkruste und ein angebissener Apfel auf einem Teller. Von der Küche aus geht die Kamera in den Hauptsaal der Kunstkammer. Am Kopfende befindet sich ein großer Steinkamin mit Keramikskulpturen. Der „Kamin der abgeschlagenen Köpfe“. Im Feuerraum brennen die Reste des Holzes. Um den Kamin herum stehen afrikanische Stühle des Bambara-Stammes aus Mali. An der Spitze, der Geister-Stuhl."

So würde die gesamte Kunstkammer aufgenommen werden. Afrikanische Fetische und rituelle Masken, Bispole und Masken aus Papua-Neuguinea, spiritistische Mediumzeichnungen, kuriose Naturalien, javanische Schattenpuppen, Fantasiedrucke, surrealistische Fotografien und Gemälde, das archimboldeske Prinzip usw. ....

Eine der wichtigsten Inspirationsquellen für das Werk von Jan Švankmajer ist seit den 1960er Jahren die Persönlichkeit Kaiser Rudolfs II. (1552-1612) und sein Prager manieristischer Herrscherhof. Die Interessen dieses außerordentlich gebildeten Machthabers orientierten sich an den philosophischen Strömungen der Spätrenaissance, die sich auf den Neoplatonismus, die hermetische Philosophie und verwandte Wissenschaften, d. h. Alchemie, Astrologie und Magie, stützten. Das Interesse Švankmajers an der Hermetik wurde noch verstärkt durch seine Neigung zum Surrealismus, der stark von André Breton (1896-1966) geprägt war. Diese Anregungen brachte Jan Švankmajer schließlich in das Umfeld der damaligen tschechoslowakischen Surrealistengruppe ein.

Švankmajers Interpretation der Kunstkammer-Idee der Renaissance und des Barock - und insbesondere der berühmten Kunstkammer Rudolfs II. auf der Prager Burg - können wir als Gesamtkunstwerk des Autors bezeichnen, d.h. ein umfassendes Kunstwerk, in dem nicht nur die breite Palette der künstlerischen Techniken Švankmajers zum Tragen kommt, sondern auch seine Lebensphilosophie, seine Vision der Welt als „magisches Universum“, in dem die Phantasie als „Königin der menschlichen Fähigkeiten“ regiert.

Obwohl der Autor aus verschiedenen Quellen schöpft, ist seine kreative Synthese nicht von Eklektizismus geprägt, betont der Kulturhistoriker Ivo Purš in seiner dramaturgischen Erörterung dieses Films. Es handelt sich um eine reine Selbstverwirklichung durch Schöpfung, bei der der Autor Teil seines Werks ist, so wie sein Werk der Höhepunkt oder die ständige Vollendung und Erfüllung seiner Persönlichkeit zu sein scheint. Daraus folgt, dass wir keine Artefakte finden werden, die bekannte Muster nachbilden und fremde Ideen aufgreifen. In den Worten von Louis Aragon (1897-1982), dem französischen Mitbegründer des Surrealismus, ist das Reich von Švankmajers Kunstkammer „das Reich der Unmittelbarkeit“. Schon die Bezeichnung weist auf den aktiven Umgang des Künstlers mit den Inspirationsquellen hin. Kunstkamera nennt Švankmajer sein Konzept, das nicht nur von bildnerischem Schaffen, sondern auch von einem breit verstandenen Sammeln als aktiver Interpretation der Welt erfüllt ist (im Gegensatz zum historisch üblichen Begriff „Kunstkammer“). Mit diesem Begriff ist die Kunstkamera natürlich mit seiner Filmarbeit verbunden, und das nicht nur konzeptionell. So wie die Filmkamera für Jan Švankmajer das externalisierte „innere Auge“ seiner Imagination ist, so ist auch seine Kunstkamera, diese camera obscura, die nur dem Auge ihres Schöpfers vorbehalten ist, eine materialisierte Abbildung von Švankmajers innerer Welt, einem idealen Universum, in dem er der unbegrenzte Herrscher ist.

Auf die Frage, warum Jan Švankmajer diesen Film machen wollte, antwortet er: "Die historische Erfahrung lehrt uns, dass fast alle Kunstkammern, die bis heute entstanden sind, nach dem Tod ihrer Schöpfer verkauft oder zerstört wurden." Ja. Vor kurzem hat sich dieses Schicksal auch im Fall von André Bretons (1896-1966) berühmter Kunstkammer erfüllt. Zu den seltenen Ausnahmen gehören also die habsburgische Kunstkammer in Schloss Ambras und das Grüne Gewölbe in Dresden, wohin Jan Švankmajer oft reiste, um sich inspirieren zu lassen.

"Und doch sind dies einzigartige Dokumente des damaligen Vorstellungsvermögens, die auch Institutionen wie Museen nicht ersetzen können, weil ihnen das wesentliche persönliche Engagement fehlt. Mir war klar, dass meiner Sammlung in Zukunft zweifellos das gleiche Schicksal bevorstehen würde, und so beschloss ich, den Zustand der heutigen Gedankenwelt, d. h. die Überreste der magischen Welt, zumindest auf diese Weise zu dokumentieren", schließt Jan Švankmajer.

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