Presseinformation zum Forschungs- und Restaurierungsprojekt „Jean-Pierre Latz. Fait à Paris“

30. November 2017

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Das Kunstgewerbemuseum der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) besitzt in seiner mehr als 60.000 Objekte umfassenden Sammlung viele Raritäten und bedeutende Stücke, deren Würdigung noch aussteht. Einer dieser noch unbekannten Schätze wird nun durch das interdisziplinär aufgestellte und international ausgerichtete Forschungs- und Restaurierungsprojekt „Jean-Pierre Latz. Fait à Paris“ gehoben und für die Besucher*innen zugänglich gemacht. Das Kunstgewerbemuseum konnte für das Forschungs- und Restaurierungsprojekt die Ernst von Siemens Kunststiftung als Hauptförderer gewinnen.

Im Zentrum des Projektes steht die mit 20 Ensembles weltweit umfangreichste Sammlung an Möbeln, die Jean-Pierre Latz (1691–1754) – einem der wichtigsten Pariser Ébénisten (Kunsttischler) des Stils Louis XV – zugeschrieben werden. Bei zwei Stücken konnten sogar handschriftliche Signaturen von Latz inklusive Datierung für das Jahr 1739 festgestellt werden – eine große Besonderheit für französische Möbel. Ziel des Projektes ist es, diese exotischen Spitzenstücke der Pariser Möbelkunst des 18. Jahrhunderts umfassend zu erforschen und zu restaurieren, um sie nach mehr als 70 Jahren wieder einer Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Latz war einer der vielen deutschen Kunsttischler, die in Paris – der europäischen Metropole des Luxushandwerks – außerhalb der Zunftregeln arbeiten konnten. Seine Möbel zeichnen sich durch hochwertige Einlegearbeiten (Marketerien) aus, die entweder aus Schildpatt und Messing sowie Ebenholz, Perlmutt und farbig unterlegtem Horn oder aber edlen Tropenhölzern gefertigt sind. Auf den Oberflächen sind außerdem feuervergoldete Beschläge appliziert, die von herausragender Qualität und Schönheit sind.

In ihrer üppig überbordenden Gestaltung für den Exportmarkt bestimmt, wurden die Möbel bzw. Uhren im 18. Jahrhundert von August III. aber auch vom Grafen von Brühl wohl direkt in Paris bestellt. Ihre Provenienz ist durch die originalen Inventare seit Mitte des 18. Jahrhunderts lückenlos gesichert. Seit ihrem Ankauf haben sie Sachsen nicht mehr verlassen und blieben immer in öffentlichen Sammlungen. Aufgrund der besonderen Geschichte der DDR sind nur wenige Stücke jemals nach 1945 ausgestellt worden. Die Mehrheit wurde nie restauriert und ihr Zustand ist durchaus als prekär zu bezeichnen. „Glück im Unglück“, stellt Tulga Beyerle, Direktorin des Kunstgewerbemuseums, fest und ergänzt, „denn dadurch zählen sie zu den äußerst seltenen Möbelkunstwerken dieser Zeit, die als nahezu unüberarbeitet und daher original zu bezeichnen sind.“

„Dresden beruft sich immer wieder auf seine besondere Geschichte, die uns in diesem Fall die Möglichkeit eröffnet, einen der Weltöffentlichkeit bisher unbekannten Schatz zu heben. Diese außergewöhnlich wertvollen Objekte können dank der Ernst von Siemens Kunststiftung erstmals in vollem Umfang erforscht und restauriert werden“, würdigt Tulga Beyerle, Direktorin des Kunstgewerbemuseums, das Engagement der Stiftung und fährt fort: „Die Geschichte Dresdens hat uns diese Kostbarkeit vererbt, die Geschichte der DDR hat diese ungewollt in einem für die Forschung unschätzbaren Wert von Informationen erhalten. Wir befassen uns mit Objekten, die kaum behandelt wurden. Damit haben wir die Chance, uns über diese Möbel der Arbeitsweise und dem Wirken des Kunsttischlers Jean-Pierre Latz zu nähern. Aber auch weitere Aspekte der Ankaufspolitik und Repräsentation im Sachsen des 18. Jahrhunderts zu verstehen.“

Die Ernst von Siemens Kunststiftung unterstützt das bis Ende 2019 laufende Forschungs- und Restaurierungsprojekt mit einem Förderbetrag in Höhe von 200.000 Euro. Bei dem Projekt wird durch ein interdisziplinär aufgestelltes Team aus Kunsthistoriker*innen, Restaurator*innen und Naturwissenschaftler*innen der Bestand systematisch wissenschaftlich erforscht. Aufbauend auf diesen Erkenntnissen werden die Objekte konserviert und restauriert. Im Anschluss daran wird das Dresdner Konvolut den zentralen Kern der weltweit ersten Ausstellung zu Jean-Pierre Latz bilden, die 2020 im Dresdner Residenzschloss gezeigt werden soll. Viele Stücke werden damit erstmals seit dem Beginn des 2. Weltkrieges wieder öffentlich ausgestellt.

Martin Hoernes, Generalsekretär der Ernst von Siemens Kunststiftung
, freut sich: „Durch das umfassende Restaurierungsprojekt „Jean-Pierre Latz. Fait à Paris“ wird das herausragende Dresdner Konvolut an Latz-Möbeln nach nunmehr 75 Jahren wieder für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die Restaurierung steht exemplarisch für das Anliegen des Bündnisses KUNST AUF LAGER: Der aufgrund von Kriegsschäden unzugängliche und daher nur wenigen Experten bekannte kostbare Dresdner Bestand wird als Ergebnis der Restaurierung und in Verbindung mit einem anschließenden Ausstellungsprojekt wieder angemessen gewürdigt und ausgestellt. Die Restaurierungen der eigenen Bestände der Museen sind ein besonders wichtiges Anliegen des Bündnisses.“

Weiterführende Informationen:
Jean-Pierre Latz wurde ca. 1691 im Kurfürstentum Köln geboren. Seit 1719 ist er als Kunsttischler in Paris nachweisbar. Er lebte und arbeite im Faubourg St. Antoine – einem der Vororte von Paris, in denen die Zunftregeln nicht angewendet wurden, sondern in einer frühen Form der Gewerbefreiheit gearbeitet werden konnte. 1738 erwirbt er für sich das Privileg eines „ébéniste privilegé du roi suivant la cour“, was ihm neben steuerlichen Vorteilen auch Erleichterungen bei Zöllen aber vor allem über den Faubourg hinaus die Anerkennung als Meister brachte. Durch das nach seinem Tod im August 1754 erstellte Inventar sind viele Details über seine Werkstatt, sein berufliches Netzwerk und seine Kunden bekannt. So ist nachweisbar, dass Friedrich der Große (1712-1786) über einen Agenten bei Latz gekauft hat.

Pressebilder- und -dossiers

das sogenannte Chronospendule auf hohem Piedestal, 1739
Pendule auf hohem Piedestal, 1739 Gehäuse und Piedestal: Jean-Pierre Latz (Piedestal signiert); Uhrwerk: Gault à Paris, Paris
© SKD, Foto: Elke Estel/Hans-Peter Klut
Pendule Ansicht von vorn, Paris, 1739 Gehäuse: Jean-Pierre Latz Uhrwerk: Gault à Paris
© SKD, Foto: Elke Estel/Hans-Peter Klut
Pendule, Ansicht von hinten mit geöffneter Tür und Blick auf die Rückplatine des Uhrwerks Gehäuse: Jean-Pierre Latz, Uhrwerk: Gault à Paris, Paris
© SKD, Foto: Foto: Elke Estel / Hans Peter Klut
Luxus in der Zeit des Sonnenkönigs: Die Figur zeigt Chronos, den Gott der Zeit
Cartonnier, Detail, Paris, ca. 1740 Korpus: Jean-Pierre Latz, zugeschrieben Uhrwerk: originales Uhrwerk + Zifferblatt verloren; heutiges Zifferblatt spätere Ergänzung
© SKD, Foto: Frank Dornacher
Cartonnier Korpus: Jean-Pierre Latz, zugeschrieben, Inv.Nr. 37655
© SKD/Kunstgewerbemuseum
zwei Dendrochronologen bei der Vorbereitung
Dendrochronologische Untersuchung durch Mitarbeiter des Laboratoire d’Expertise du Bois et de Datation par Dendrochronologie, Besançon bei der Vorbereitung der Holzoberflächen zur Ausmessung der Jahresringe
© SKD/Clara von Engelhardt
Detail der sogenannten Chronosuhr mit vergoldeter Figur
Detail Chronosuhr Gehäuse: Jean-Pierre Latz, Uhrwerk: Gault á Paris, Paris um 1740
© SKD/Kunstgewerbemuseum
Der Metallrestaurator Stephan Rudolph bei der Voruntersuchung der sogenannten Palmenstammuhren
Untersuchung Palmenstammuhren Der Metallrestaurator Stephan Rudolph bei der Voruntersuchung der sogenannten Palmenstammuhren
© SKD
Pendule auf hohem Sockel, Model der sogenannten „Pendule aux biches“ Gehäuse: Jean-Pierre Latz, zugeschrieben Uhrwerk: Etienne LeNoir à Paris
© SKD, Foto: Frank Dornacher
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