RE:OPENING NO. 04 im GRASSI Museum für Völkerkunde zu Leipzig

27. November 2023

RE:OPENING NO. 04 im GRASSI Museum für Völkerkunde zu Leipzig

Im Rahmen des Zukunftsprogrammes REINVENTING GRASSI.SKD wandelt sich das Leipziger Völkerkundemuseum, als Einrichtung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD), Schritt für Schritt zu einem Netzwerkmuseum. Das Museum gibt mit seinem RE:OPENING NO. 04 ab dem 30. November 2023 neue Einblicke in diesen Prozess.  

Was haben eine Friedenspfeife aus der Prärie, eine Damenpistole aus dem „Wilden Westen“, ein mexikanischer Bauarbeiterhelm, eine Kaffeekanne aus Bagdad und ein aus Gras geflochtener Bus gemeinsam? Sie alle sind Teil der DDR-Geschichte des GRASSI Museums für Völkerkunde zu Leipzig. Der neue Ausstellungsbereich nimmt das Museum und die Ethnologie vor 1990 in den Blick. Eine Rolle spielt dabei, wie sich die Völkerkunde in der DDR unter dem Thema der Völkerfreundschaft von ihrer NS-Vergangenheit löste, Wissenschaft und Kunst unter allen Bevölkerungsschichten verbreitete, und einen Beitrag zum Aufbau ehemaliger Kolonien in Afrika und Westasien leistete. Aufgrund der fehlenden Reisefreiheit wurden Museen zu Sehnsuchtsorten, an denen Besuchende an einem Tag „die Welt erleben“ konnten. Am Beispiel der vielen „Indianistik“-Klubs zeigt die Präsentation, welchen Einfluss die Völkerkunde auf das Privatleben, die Nischen- und Popkultur in der DDR hatte.

In Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Akteur*innen öffnet das Museum im neuen Ausstellungsbereich (un)sichtbar den Blick für die Themen Geschlecht und Sexualität in Zusammenhang mit Macht, gesellschaftlichen Normen und kolonialen Verflechtungen. Welche Geschlechterkonzepte gab es jenseits der Einteilung von Frau und Mann und wie wurden sie durch den Kolonialismus verdrängt? Darüber hinaus thematisiert dieser Teil der Ausstellung, wie rein männliche Sichtweisen durchbrochen werden können und welche Geschichten (wieder) sichtbar gemacht werden müssen. Mit partizipativen Stationen und Interventionen gibt es vielfältige Möglichkeiten, vermeintliche Grenzen zu hinterfragen und zu durchbrechen. So suchten sich Akteur*innen aus verschiedenen Kontexten zwölf Dinge aus den ethnologischen Sammlungen aus und gaben ihnen eine bisher unsichtbare Bedeutung (zurück). Die neu entstandenen Lesarten sind persönlich, assoziativ, lyrisch, künstlerisch oder wissenschaftlich.

Gezeigt wird auch ein Teil der umfangreichen Schmucksammlung des Gynäkologen Dr. Ümit Bir (1929-2014), welche seit 2004 als Dauerleihgabe am Museum aufbewahrt wird. Durch die Formensprachen und die Materialsymboliken des Schmucks werden die globale Verflechtung von Ökonomien, Mythen und Schönheit deutlich, so beispielsweise durch die Verwendung der aus dem Mittelmeer stammenden Blutkoralle bei der Schmuckherstellung von Marokko bis Japan. Erzählt wird die Geschichte des Schmucks über den mit der Blutkoralle in Verbindung stehenden Mythos der Medusa.   

Zusammen mit dem Verband binationaler Familien und Partnerschaften, iaf e. V. wurde eine partizipative Station entwickelt, die spielerisch neue Perspektiven auf äußere Erscheinungsbilder und damit verbundenen Zuschreibungen eröffnet. Mit dem Büro für Sinn und Unsinn, einem interdisziplinär arbeitenden Designteam für Spiel und Interaktion, ist gemeinsam mit Jugendlichen der Stadt Leipzig eine interaktive „Widerstandswand“ entstanden, die historische Persönlichkeiten feministischer Bewegungen abbildet.

Darüber hinaus wird im Ausstellungsbereich zu den Benin-Bronzen eine Intervention mit queer-feministischen Perspektiven auf die Geschichte des Königreichs Benin in Zusammenarbeit mit der nigerianischen Kuratorin, Dichterin und Forscherin Mary Osaretin Omoregie eröffnet. Bis heute dominieren in Nigeria patriarchale gesellschaftliche Strukturen und Vorurteile gegenüber Frauen. Feministische Strömungen sind damit auch in der Geschichtsschreibung unterrepräsentiert, obwohl Frauen einen wichtigen Beitrag zum kulturellen und künstlerischen Erbe leisteten. In sieben Geschichten stehen nun erstmals Biografien von Frauen aus dem ehemaligen Königreich Benin im Mittelpunkt. Frauen, die sich den Normen einer patriarchalischen Gesellschaft widersetzten und den Lauf der Geschichte maßgeblich beeinflussten.

Das Forschungsprojekt „Umgekehrte Sammlungsgeschichte. Kunst und Kultur aus Kamerun in deutschen Museen“ ist das aktuelle Thema im Rapid Response Bereich. Die Technische Universität Berlin untersuchte gemeinsam mit der Université de Dschang in Kamerun erstmalig die Präsenz Kameruns in deutschen ethnologischen Sammlungen. Ein Teil des Projektes ist die Untersuchung der Bestände des GRASSI Museums für Völkerkunde zu Leipzig mit mehr als 5.000 Inventareinträgen, die mit Kamerun in Verbindung gebracht werden können. Dieses Projekt ist damit ein wichtiger Schritt zur Erforschung der Vergangenheit des Museums. Die wissenschaftlichen Ergebnisse wurden im Juni 2023 in Berlin vorgestellt. Daraus ist auch die Publikation „Atlas der Abwesenheit ­- Kameruns Kulturerbe in Deutschland“ entstanden. Seine Herausgabe nimmt das Museum zum Anlass, auf diesen Teil der Geschichte aufmerksam zu machen.

 

Öffnung der neuen Teilbereiche:
ab 30. November 2023

Öffnungszeiten:
täglich 10 bis 18 Uhr, Montag geschlossen

 

Für die Berichterstattung werden auf Nachfrage individuelle Ausstellungsführungen angeboten. Die Presse ist zudem herzlich zum RE:OPENING NO. 04 am Donnerstag, den 30. November 2023, um 18 Uhr eingeladen. Hierfür bitten wir um Anmeldung über presse@skd.museum.

Pressebilder und -dossiers

REOPENING NO. 04 | (un)sichtbar
© SKD, Foto: Tom Dachs
REOPENING NO. 04, Rapid Response
© SKD, Foto: Tom Dachs
REOPENING NO. 04 | (un)sichtbar
© SKD, Foto: Tom Dachs
REOPENING NO. 04 | (un)sichtbar
© SKD, Foto: Tom Dachs
REOPENING NO. 04 | (un)sichtbar
© SKD, Foto: Tom Dachs
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