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Die Vermessung des Unmenschen

Zur Ästhetik des Rassismus.
Proposition IV

13. Mai bis 7. August 2016
Eine Ausstellung von Wolfgang Scheppe für die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden in der Kunsthalle im Lipsiusbau und im Sponselraum, Neues Grünes Gewölbe, Residenzschloss

Der Ausdruck Rassismus ist nichts als ein moralischer Vorwurf. Er allein leistet noch keine Kritik der zugrundeliegenden Ideologie, die Personen ausgrenzt, weil an ihnen vermeintlich Andersartigkeit sichtbar wird. Diese soll an biologischen Unterschieden zwischen Menschen liegen, kommt aber doch nur als politisches Urteil über diejenigen zustande, die als der eigenen Nation nicht zugehörig betrachtet werden.

Deshalb behandelt diese Ausstellung mit dem Ausbreiten von bislang unbekanntem Anschauungsmaterial das Verhältnis zwischen wissenschaftlichen Herleitungsversuchen von Rasse und volkstümlichen rassistischen Vorstellungen. Beide teilen eine erkenntnistheoretische Überzeugung, die allem Positivismus zugrunde liegt: Dass das (Un)-Wesen erscheine und folglich das gesellschaftlich abzutrennende Fremde sich an äußeren Merkmalen zu erkennen gebe. Weil dieser Standpunkt aus dem, was er erblickt — aus morphologischen Kennzeichen wie dem der Hautfarbe vor allem —, eine Klassifikation des Menschen konstruieren zu können meint, spielt das Bild eine so große Rolle im Rassismus. Deshalb auch vermag man von einer Ästhetik des rassistischen Denkens zu sprechen.


Im Zentrum des komplexen Projekts steht das bisher nicht erforschte, obsessive Bildarchiv des Dresdner Ethnologen und Anthropologen Bernhard Struck (1888—1971). Es gewährt Zugang in Kopf und Vorstellungsraum eines in seiner Normalität exemplarischen Denkers von Rasse. Seine Produktion von Phänotypen des Fremden, die er vor allem durch anthropometrische Vermessungen vollzog, entspricht einem prinzipiellen Geist, dem auch heute leider wieder gesellschaftliche Anerkennung gilt.

  • Blick in die Sonderausstellung „Die Vermessung des Unmenschen. Zur Ästhetik des Rassismus. Proposition IV“, 13. Mai - 7. August 2016 in der Kunsthalle im Lipsiusbau, Dresden, Copyright: Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Adrian Sauer
 - Bild öffnet sich in einer Vergrößerungsansicht.
  • Blick in die Sonderausstellung „Die Vermessung des Unmenschen. Zur Ästhetik des Rassismus. Proposition IV“, 13. Mai - 7. August 2016 in der Kunsthalle im Lipsiusbau, Dresden, Copyright: Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Adrian Sauer
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Drei Werke der bildenden Kunst gewähren eingangs Material für eine Kritik der manipulativen Benutzung bildlicher Metaphern, mit denen das vorgeblich Andersartige — Alterität — erst plausibel gemacht wird. Es sind dies die im 19. Jahrhundert zu einem Skandal führende Skulptur eines frauenraubenden Gorillas des damals sehr erfolgreichen Bildhauers Emmanuel Frémiet (1824—1910), das in Deutschland bislang nicht gezeigte Hauptwerk "Manipulation der Kultur" des italienischen Künstlers Fabio Mauri (1926—2009) und schließlich ein Video-Triptychon, das Bildsequenzen des deutschen Filmpioniers Arnold Fanck (1889—1974) aufnimmt. In ihm wird der circulus vitiosus der deutschen Geschichte vorgeführt, die mit der rassistischen Wahrnehmung des Anderen in endloser Repetition im Kreis zu treten scheint.